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(Karl Kraus, österr.
Schriftsteller, 1874-1936)
 
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Essays

Kannibalismus ... ?

Gedanken zu einem hessischen Kriminalfall. Von Thomas H.

DRUCKVERSION (Schwarzer Text auf weißem Grund)


Warum eine Wortmeldung zu einem
Kannibalismusfall aus unserer „SM-Ecke“?

•Weil da ein Verbrechen so aussieht, als sei es ein Akt der Lust
•gewesen, es zu verüben und ihm zum Opfer zu fallen.

•Weil da eine Tat so erscheint, als sei es eine Frage der sexuellen
•Veranlagung, so ein Verbrechen zu begehen oder nicht.

•Weil das, was als „perverse Veranlagung“ in das Verbrechen
•getrieben haben soll, sehr tiefe kulturelle Wurzeln hat und
•nicht vorrangig ein Thema von Sexualität ist.

•Weil mancher Kommentar mit Schlagworten wie „Zügellosigkeit
•und Verrohung“ Verbrechen wie dieses als eine Konsequenz von
•Selbstbestimmung und Liberalität hinstellt.

In zwei Essays soll gezeigt werden, daß keine sexuelle Veranlagung jemanden dazu verurteilt, einem Verbrechen zum Opfer zu fallen oder eines zu begehen.

Warum sagen wir nicht einfach, wir haben damit nichts zu tun und haben deshalb dazu auch nichts zu sagen? Ganz einfach: Weil wir uns von öffenlichen Denkfehlern betroffen fühlen, die anläßlich dieses Verbrechens sehr nahe zu liegen scheinen:

Die Verdächtigung von Leidenschaft und
die Geringschätzung von Verantwortung.

Dies ist das erste Essay zum Thema, ein zweiter Text mit dem Titel „Vereinbarungsethik“ vom selben Autor ist hier zu finden.

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42-jähriger verspeist 41-jährigen nach ausführlicher Verabredung dazu. Nach Abtrennung, Zubereitung und gemeinsamem Verzehr der Speisemenschgenitalie. Nach Behandlung der dabei entstandenen Wunde, zwecks Gewährleistung unbeeinträchtigten Schmausens. Beide sind Computerexperten, der eine vom Dorf, der andere aus der Großstadt. Beide, unauffällig für Nachbarn und Kollegen, kamen sie sich in einem Chat unter dem Schlagwort "schlachten" näher. Und haben es gemacht. Der mit dem Schlachtkick muß einen ziemlichen Drang gehabt haben, soll Dutzende von Kontaktanzeigen gepostet haben und damit schließlich den Fahndern aufgefallen sein. Sonst wäre er womöglich überhaupt nicht aufgefallen; bzw. nur Leuten mit einem Schlachtmenschkick. Sechs Männer sollen sich insgesamt zum Schlachten bei ihm gemeldet haben. Interessante Zahl eigentlich, wenn man sie mal mit den Opfern von Schlachtfeldern vergleicht. Freiwillige für das, was Krieg wirklich macht, hätte es also gegeben — allerdings nur sehr wenige. Kaum eines Schulfaches „Geschichte“ wert oder irgendwelcher Ausgaben für „Landesverteidigung“. Aber zurück zum Kannibalismus.

Hatten sie zuwenig Liebe, die beiden; mit dem Selbstwertgefühl kann was nicht in Ordnung gewesen sein, klarer Fall von schwerwiegender Beziehungsstörung verkünden die Monsterexperten der Psychozunft über die Kanäle. „Wir werden was finden“, bemerkte eine Oberpsychologin auf „n-tv“. Das werden sie wohl, denn wer suchet, der findet. Irgendein herumargumentiertauglicher Brei aus emotionaler Kälte, Vernachlässigung, vielleicht ein bißchen Mißbrauch, vielleicht auch etwas Haß so allgemein, bestimmt aber Selbsthaß, wird sich finden lassen. Sprechblasen, die niemandem helfen und nichts erklären, dafür aber Anlaß verschaffen, über Sozialisation und Erziehung zu mutmaßen, über Verrohung, schlechte Filme und verlorene Werte. Damit die Spaßgesellschaft auch eine intellektuelle Seite hat. Damit nicht alles nur Harald Schmidt ist, sondern ein bißchen auch Kulturweltspiegel. Gackern, gruseln, grübeln; alle menschlichen Grundbedürfnisse kommen so zu ihrem Recht — oder das, was dafür gehalten wird.

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Der Fehler, der gemacht wird, besteht darin, für ein Stück Wirklichkeit nach einer Erklärung zu suchen, das einfach mutwillig zu einem Rätsel erklärt worden ist. So macht man „Wissenschaft“. Vielleicht sollte ich die Anführungsstriche auch weglassen; das muß ich mir noch genauer überlegen.

Die schlichte Wirklichkeit ist die, daß es einen winzigen Promillebruchteil von Menschen gibt, die den Wunsch haben, ihr Leben auf eine bestimmte Art und Weise, „rituell“ sozusagen, zu beendigen. Nicht aus Verzweiflung, Liebeskummer, Trotz, Anklage oder Fanatismus, also nicht wegen zeitlich begrenzt wirksamer Handlungshintergründe, sondern „unbedingt“, „von Hause aus“ im übertragenen, nicht im wörtlichen Sinne. Und wenn man fragt, ob das dann deren Sexualität ist, dann kann man gleich dazu fragen, was denn eigentlich Sexualität ist oder sein soll.

Es geht um einen „Opferwillen“, eine Sehnsucht, danach, Vollendung darin zu finden, sich als ein Opfer akzeptiert, einvernahmt, angenommen, aufgehoben und auch erhoben zu fühlen. Also um einen Opferwillen, der natürlich nichts zu tun hat mit der Realität von Millionen Mißbrauchsopfern, die von irgendwelchen Arschlöchern traumatisiert worden sind, sondern um einen Opferwillen von einer spirituell-religiösen Dimension. Sich Opfern (Langform: „Aufopfern“) zu wollen, ist ein gar nicht so ungewöhnliches und in manchen Situationen und Rollen auch noch nicht einmal ein unerwünschtes Verhalten. Retter und Krieger dürfen sich opfern; Einatzleitungskräfte sind allerdings angehalten, davor zu warnen, „den Helden zu spielen“? Für diese Warnung gibt es oft gute pragmatische Gründe — manchmal aber auch nicht, dann können nur Helden retten, was dann aber auch wieder nicht befehlbar ist. Dann kann man, wenn man selbst gerettet werden muß, nur hoffen, daß unter den Einsatzkräften noch ein Held ist, der den Zugang zu seinem Seelendrang noch nicht verloren habt.

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Das wäre das Dilemma der „pragmatischen Helden“, deren Stunde kommt, wenn Neubauten einstürzen oder Dämme brechen. Ihr Pech ist, daß sie für Dritte kaum unterscheidbar sind von den freudig-ergriffenen Draufgängern der Sturmangriffe, von denen es heißt, daß sie die Tapferen darin übertreffen, daß sie ihr Leben nicht nur riskieren, sondern es „anbieten“.

Menschen, die von einem Opferwillen getragen oder durchdrungen sind, können ein Führungsproblem beim Einsatz geschlossener Einheiten bereiten sowie soziale Integrationsprobleme, wo kein Moloch von Krieg sie mehr verspeisen mag. Das dürfte hauptsächlich ein Männerproblem sein. Ist ja auch mal gerecht, daß es auch Probleme gibt, die Frauen (wohl) nicht haben, oder?

Doch neben den „pragmatischen Opfer-Helden“ mit ihren zivilisationsbedingten Problemen gibt es auch Leute mit einem ganz unpragmatisch spirituellen Drang zu einem „symbolisch-realen" persönlichen Opfer. „Real“ insofern, als sie dabei wirklich umkommen wollen und auch wirklich umkommen, wenn sie es machen. „Symbolisch“ insofern, als sie sich von ihrer Verspeisung natürlich „verstandesmäßig“ nicht wirklich einen „Dienst“ an irgendetwas erwarten können. Die Leute sind ja nicht blöd. Sie glauben ja nicht, daß nur weil sie sich nichts erhabeneres vorstellen können, als rituell verspeist zu werden, daß deswegen irgendwas auf dieser Welt oder jenseits davon irgendwie erfreulicher wird. Es sind Glaubensgewillte, die wissen (können) daß sie für ihren Glauben keinen Gott finden können. Zur blutdürstigen Götterwelt von Sumerern oder Azteken würden sie prima passen aber sie leben unter uns, also irgendwo zwischen dem Papst und dem Dalai Lama. Und da haben sie subjektiv richtig Pech.

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Es sei denn, sie finden einen „Schlächter“, einen Henker aus Leidenschaft, eine Seele von einem Menschenmetzger. Jemanden, der ihr Opfer annimmt und zelebriert; es, so weit es geht, mit ihnen und nicht einfach nur an ihnen zelebriert. „Teilnehmender Gottesdienst“ sozusagen, nicht irgendein abgehoben obrigkeitlicher Hokuspokus. Im Unterschied zur Figur des Opferwilligen wirkt die Gestalt der Schlachtpriesters auf mich fragwürdiger. Der Opferwillige scheint mir bessere Antworten auf die Frage nach der Konsequenz seines Dranges zu benötigen, der Schlachtpriester schärfere Fragen nach seinem Motiv.

Hält er seinen Magen und seinen Verdauungstrakt wirklich für den Kreuzgang, über dessen Beschreitung es ein Opfer über sich selbst hinaus erhebt? Will er töten, oder nimmt er das nur in Kauf? Folgt er den Verlangen des Opferwilligen, oder spinnt er dem Opferwilligen einen spirituell-sakralen Rang vor, um es 'rumzukriegen? ähnelt der Schlächter eher einem Heiratsschwindler oder eher einem „Erlöser“? Ist bei ihm eher der menschliche Geist mit den Möglichkeiten von Glauben, Erbauung und Berauschung am Werk oder sind es eher die Nerven, die nach Thrill und Grauen verlangen? Drängt es ihn, sich zu schaudern und wie heilig fühlt sich ihm sein Schaudern an? Umfängt ihn Wärme, Genugtuung, Befriedigung, Größe, Erhabenheit, wenn er die Leber seines Opfers verzehrt? Ich finde, das sind Fragen, die in völliger Nüchternheit dem Schlächter gestellt werden müssen und die Antworten sollten sehr aufmerksam registriert und kritisch gewogen werden. Störend dürfte sich dabei auswirken, daß es um die Klärung der juristischen Frage geht, ob wir es mit einem Fall von „Tötung auf Verlangen“ (fünf Jahre) oder „Lustmord“ (lebenslang) zu tun haben. Auf der Suche nach der Quelle der betreffenden „kriminellen Energie“ greift das Strafgesetz hier mal wieder ins Leere. Eine spirituell motivierte und mehr oder weniger sexualmagisch aufgeladene kannibalisch-rituelle Schlachtung kannten die Väter des Strafrechts nicht und können wir uns vor lauter Zivilisation auch gar nicht (mehr) vorstellen. Oder? Der Gott des Alten Testamentes entsagte dramatisch wie Hitchcock im letzten Augenblick dem Menschenopfer. Im Neuen Testament opfert er dann selbst seinen Sohn. Und wie huldigt die Gemeinde der Rechtgläubigen diesem ungeheuerlich geglaubten Akt? Indem sie in ihrer Eucharistie Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi verwandelt um beim Verzehr von Blut und Wein den von Gott geopferten Sohn als Gabe immer wieder aufs Neue anzunehmen.

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Kannibalismus wird gerne weit entfernt und sehr „ursprünglich“ lebenden Völkern nachgesagt. Dabei ist „der Kannibale“ in den meisten heute geglaubten ethnischen Religionen, in denen er als Glaubensfigur vorkommt, eine böse Zaubererfigur, ein Verhexer und Verderber. Dieses innere böse Bild fand für viele „entdeckte Völker“ sein Äußeres im Anblick christlicher Missionare, die neben dem geistlichen Gepäck des christlichen Erlösungsglaubens auch manches weltliche aus Europa mitbrachten: Rotwein und Büchsenfleisch zum Beispiel. So mancher Finsternisbewohner aus dem Herzen Afrikas könnte, wenn er von dem hessischen Horror dieser Tage erführe, sagen: „Kannibalen? Das wart doch ihr. Habt ihr doch selbst gesagt beim Missionieren: Hoc est enim corpus die. Damals, als ihr das noch geglaubt habt.“

 eMail an den Autor.

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Zuletzt geändert am 17. Februar 2005.
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